Das Unsichtbare sichtbar machen – Wie Kunsttherapie Selbstheilung fördert

Von Gertraud Schottenloher

Erschienen in aviso – Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern, 2|2018. Download als PDF hier

KREATIVER AUSDRUCK IST ein natürlicher Weg, Stress und negative Empfindungen auszuleiten und damit für die Psyche unschädlich zu machen. Man kann ihn mit einem angeborenen seelischen Reinigungsprozess vergleichen, der die psychische Selbstregulation aktiviert und so das seelische Gleichgewicht wieder herstellt.
Hierzu ein Beispiel: Ein Junge sieht einen zotteligen Hund, den er besonders süß findet. Er läuft auf ihn zu, um ihn zu streicheln. Viel- leicht ist seine Handbewegung etwas zu schnell, vielleicht ist der Hund nervös. Der Hund schnappt zu und beißt den Jungen in die Hand. Der Junge ist sehr erschrocken und läuft voller Angst so schnell er kann davon. Der Hund folgt ihm eine Weile und lässt dann von ihm ab. Zuhause angekommen verzieht sich der Junge in sein Zimmer, setzt sich an den Tisch, nimmt seine Malkreiden und einen Block und malt den Hund mit übergroßem Maul und gebleckten Zähnen. Danach fühlt er sich besser. Er wirft die Zeichnung in eine Ecke seines Zimmers, rennt laut bellend hinaus und bedroht seine kleine Schwester mit aufgerissenem Mund und gebleckten Zähnen.
DIESER JUNGE HAT soeben instinktiv eine »Kunsttherapie« an sich selbst vollzogen. Indem er malte, was ihn erschreckte, distanzierte er sich gleichzeitig davon. Der Akt des Malens holte ihn aus der Rolle des Opfers und ließ ihn sein Erlebnis aktiv verarbeiten. Angst und Schrecken fielen dabei von ihm ab und während er das bedrohliche Maul überdimensional zeichnete, fühlte er sich plötzlich selbst so stark wie der Hund. Statt z. B. Angst vor allen Hunden zu entwickeln, identifizierte er sich mit dem Angreifer. Indem er ihn malte, machte er sich dessen Aggressivität zu eigen, statt sie als etwas zu speichern, das zu fürchten ist.

Der künstlerische Ansatz in der Kunsttherapie

Kunsttherapie Weiterbildung

Solche Prozesse zu aktivieren, zu unterstützen und zu fördern ist ein wichtiger Bestandteil von Prophylaxe und Therapie. Dies kann durch ein aktives, künstlerisch-bildnerisches Angebot im Atelier geschehen. Manchmal reicht jedoch der kreativ-bildnerische Prozess allein nicht aus, um die Selbstregulation zu aktivieren und das psychische Gleichgewicht (wieder)herzustellen. Dann sind begleitende gezielte therapeutische Interventionen notwendig. Dabei besteht in der Kunsttherapie die Tendenz, nicht das Problem in den Vordergrund zu stellen, sondern Ressourcen und Resilienz. Diagnosen sind dann nicht an Krankheit und Mangel orientiert, sondern an den gesunden Persönlichkeitsanteilen, die im kreativ-therapeutischen Prozess gestärkt werden und somit Schwäche und Störungen überwachsen. Das ermöglicht den Gestaltenden, ihre Ideen eigenverantwortlich und autonom darzustellen. Sie finden einen neuen Zugang zu sich selbst und ihrem inneren Potential, entdecken neue Formen der Verarbeitung ihrer Probleme, die sie nicht als Patienten stigmatisieren, sondern in ihrem schöpferischen Potential sichtbar werden lassen. Symptome werden im kreativen Prozess verwandelt und werden zu künstlerischem Ausdruck. Gleichzeitig treten Klienten und Patienten durch die bildnerische Arbeit aus ihrer Isolierung heraus, kommen in Kontakt mit Betrachtern und Mitarbeitern. Zudem werden sie mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert, die ebenso Teil der Bilder ist wie die Gegenwart und die auf diese Weise korrigiert und bearbeitet werden kann. Das Selbstvertrauen wächst, sonst Unsagbares kann ausgedrückt werden und damit seine krank machende Wirkung verlieren. Was in der bildnerischen Arbeit an Ausdauer, Einfühlung, Vertrauen, Einsicht, Gefühl für Kompetenz, Neugierde, Unternehmungsgeist etc. entwickelt wird, kann in das Alltagsleben übertragen werden.

UM ZU VERSTEHEN, wie die Bereiche »Kunst« und »Therapie« zusammenkommen können, muss man nach dem Kunst- begriff fragen, der in der Kunsttherapie verwendet wird. Im klassischen Sinn hat Kunsttherapie wenig mit Kunst zu tun: Es geht nicht um die Produktion von Kunst. Klienten und Patienten arbeiten nicht für die Öffentlichkeit, nicht für Galerien und nicht für den Kunstmarkt.
Im Sinne Beuys ́ jedoch, der den Begriff der Kunst um die kreative Gestaltung des Lebens allgemein erweiterte, verschmelzen diese beiden Begriffe und werden zu einem Prozess. Dann gilt, was Beuys sagt: »Kunst ist ja Therapie.«

IN UNSEREM VERSTÄNDNIS von Kunsttherapie geht es also nicht um das fertige Werk, sondern um den gestalterischen Prozess, der die Sprache der Bilder verwendet. Er reflektiert und konfrontiert Fragen, Blockaden, Probleme, er spiegelt das Suchen, die Ressourcen und die Lösungen.
In der künstlerischen Arbeit finden Klienten und Patienten selbständig oder unter Anleitung durch die begleitenden Kunsttherapeuten eine Lösung für bildnerische Herausforderungen und Probleme, die den Herausforderungen und Problemen im Leben entsprechen. Diese Erfolge stärken das Vertrauen und den Willen generell, Probleme zu lösen und sich Herausforderungen zu stellen. Nicht die Krankheit und die damit verbundene, oft festgefahrene Haltung stehen im therapeutischen Atelier im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, neue Wege und Lösungen zu finden.

OFFENSICHTLICH LIEGT IN der künstlerisch-bildnerischen Arbeit selbst ein therapeutisches Element, das die Selbstheilungskräfte fördert. Zum Beispiel konnte beobachtet werden, dass während künstlerischer Projekte in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen die beteiligten Patienten keine psychotischen Schübe erlitten. Ein hoher Prozentsatz konnte nach zweimonatiger Projektdauer auf offene Abteilungen verlegt werden.
Auch Schmerzpatienten, depressiven oder an einer unheilbaren Krankheit leidenden Patienten kann mit künstlerischem Arbeiten geholfen werden. Die intensive Konzentration auf den gestalterischen Prozess bindet die Aufmerksamkeit an konstruktives Tun. Damit wird sie dem Leiden und dem Symptom entzogen. So entsteht ohne Leugnung der Krankheit eine neue Ausdrucksweise. Indem Leiden gestaltet wird, findet es eine kreative Form, wird respektiert und gleichzeitig relativiert. Dem bildnerisch Tätigen stellt sich eine produktive, sinnvolle Aufgabe, die die Opferrolle als Kranker ersetz

Grundlagen der kunsttherapeutischen Arbeit

Worauf lässt sich die verändernde Wirkung des bildnerischen Gestaltens zurückführen? Die Beobachtung verschiedener künstlerischer Projekte zeigt: Kunsttherapeuten sind am Form- und Farbgebungsprozess orientiert. Dabei stehen nicht ästhetische Kriterien im Mittelpunkt, sondern was der Klient oder die Klientin ausdrücken will und kann. Sie unterstützen diesen Prozess und geben, wenn nötig, die technischen Anleitungen dazu. In dem Maße, in dem der formal-ästhetische Aspekt in den Hintergrund rückt, tritt der persönliche Ausdruck hervor, der dann in der Dialektik des Prozesses eine authentische Gestaltung findet, die den Gestaltenden zufriedenstellt.
IN DIESEM PROZESS drücken sich Geschichte, Prägung und Struktur des Klienten aus. Diese äußern sich unmittelbar und werden vom Gestaltenden direkt verstanden. Das Unsichtbare wird sichtbar, auch wenn es oft nicht in Worte gefasst werden kann. Im Bild ist eine eigene Form der Transformation möglich. Alles kann sich verwandeln: Gefühltes Chaos, psychisch noch Ungestaltetes erhält objektivierte, sichtbare Form, die, losgelöst vom Träger, weiterbearbeitet werden kann. Was in anderen Lebensbereichen, z. B. im sozialen Kontakt, unmöglich erscheint, wird auf dem Papier möglich. Die gemalten Bilder werden unbewusst gespeichert und beeinflussen die Gedanken. In diesem, in der Regel ungeübten, das heißt auch unverbildeten Bereich sammelt sich plötzlich, was sonst im Leben verdrängt wird und fordert zur Auseinandersetzung auf. Oder: Es drängen sich Formen und Inhalte auf das Papier, von denen der Malende im Leben überflutet und überschwemmt wird. Auf dem Papier kann er sie ordnen und »zähmen« und wieder Herr über sie werden. Die Objektivierung ist mit einer Neutralisierung verbunden, die neue Aspekte und unerwartete Formgebung ermöglicht.
Da Form und Inhalt nicht zu trennen sind, verwandelt sich mit der neuen Form auch der Inhalt. So ist die künstlerische Arbeit an der Form gleichzeitig auch Arbeit am Inhalt und an sich selbst.
DAMIT DIESER VERWANDLUNGSPROZESS geschehen kann, ist eine bestimmte Atmosphäre nötig, die man vielleicht künstlerische Atmosphäre nennen könnte. Sie besteht einmal in der Akzeptanz des jeweiligen Kunsttherapeuten allen Erscheinungsformen gegenüber, die sich äußern, seinem intuitiven Verstehen der Bilder, seiner eigenen Bereitschaft, einmal Geformtes wieder zu verändern, seiner Neugier und seinem unvoreingenommenen Interesse am Geäußerten. In diesem Prozess verschwindet die Frage, was Kunst ist, das unmittelbare Tun steht im Vordergrund und das Bemühen, die Hindernisse beiseite zu räumen, die einer flexiblen Entfaltung von Ideen im Bild im Wege stehen.

Wirkfaktoren des bildnerisch-therapeutischen Prozesses

Für die Gestaltenden scheint der künstlerisch-therapeutische Prozess in erster Linie folgende Konsequenzen zu haben: Sie werden autonomer und selbstbewusster und entwickeln mehr Vertrauen in ihre Fähigkeit, Probleme zu bewältigen. Sie beginnen, stärker nach Lösungen zu suchen und alte Verhaltensmuster aufzubrechen. Sie werden sozialer und auch sprachlich gewandter. Sie können ihre Situation besser ausdrücken und verstehen. Ansatzweise wurde beobachtet (siehe oben), dass während der Projekte in psychiatrischen Einrichtungen psychotische Schübe nicht oder seltener ausbrachen. Die Unterstützung der »gesunden Ichanteile« verlagert, wie erwähnt, die Aufmerksamkeit von Leiden und Mängeln weg, hin zu Ausdruckswillen und Gestaltungsfähigkeit. Diese Verlagerung geschieht nicht nur bei den Klienten und Patienten, sondern häufig auch bei Klinikpersonal und Mitpatienten. Sie sehen die Patientinnen in einem neuen, positiven Licht, was wiederum den Gestaltenden neue Möglichkeiten des Fühlens und Verhaltens eröffnet und sie in ihrer progressiven Entwicklung fördert.

Gemeinsam arbeiten

DAS BILDNERISCHE GESTALTEN ist nicht nur eine Möglichkeit, in vorsprachliche Bereiche zu gehen und dort unmittelbar dynamische Prozesse zu bewirken, es fördert auch die aktiv-progressiven Anteile des Gestalters. Dieser setzt aktiv innere Bilder um, verändert sie, gestaltet sie, muss sich mit dem oft widerspenstigen Material auseinandersetzen, muss viele Entscheidungen fällen, muss ein anfänglich leeres Blatt oder einen rohen Stein mit aller Ungewissheit, was daraus wird, bearbeiten. Die begleitenden Kunsttherapeutinnen geben zwar Hilfestellungen, nehmen damit aber Entscheidungen nicht ab. Auch sie müssen ertragen, dass sie nicht wissen, was im nächsten Augenblick geschieht und wie das fertige Werkstück aussehen wird. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, Störungen und Konflikte im Klienten so mit diesem zu bearbeiten, dass sich seine eigene Fähigkeit zur Entwicklung und Veränderung entfaltet. Durch ihre therapeutische Schulung verhindern sie, dass der bildnerische Prozess in Abwehr oder Agieren stagniert, und ermöglichen im Gegen- teil seinen progressiven Verlauf.

Gemeinsam arbeiten

Noch ist zu wenig systematisch erforscht, was im Einzelnen die bildnerische Arbeit therapeutisch wirken lässt. Wir können uns aber auf die Beobachtungen aus zahlreichen therapeutischen Ateliers und Projekten stützen. Sicher scheint zu sein, dass ein wesentlicher Faktor die Kombination von autonomer bildnerischer Arbeit seitens des Gestaltenden und die wohlwollend begleitende, unterstützende Aufmerksamkeit des Kunsttherapeuten ist. Dabei stellen die Kunsttherapeutinnen ihr eigenes Unbewusstes atmosphärisch zur Verfügung. Sie tragen die Konflikte und das Ringen des Gestaltenden mit und unterstützen so eine Wandlung. Auf diese Weise haben sie einen Anteil am bildnerischen Ergebnis, ohne selbst direkt in den bildnerischen Prozess einzugreifen. Die Verwandlungskraft des Bildnerischen in Verbindung mit der therapeutischen Beziehung scheint die besondere Wirksamkeit der künstlerisch-therapeutischen Arbeit auszumachen.

Im Atelier

Spezielle Formen künstlerisch-therapeutischer Arbeit

Über die Jahre hinweg wurden spezielle Formen künstlerisch-therapeutischer Arbeit vor allem im klinischen Bereich entwickelt. Diese sind: Kurz- oder Langzeittherapie vorwiegend in geschlossenen Gruppen aber auch in Einzelsitzungen. Offene Ateliers mit offenen Gruppen, zu denen alle Patienten sowie Ehemalige und Gäste Zugang haben. Gruppen-Kurzzeitprojekte: Künstlerisch-therapeutische Projekte zu bestimmten Themen oder Aufgaben, mit Zeitbegrenzung und meistens in Verbindung mit einer Ausstellung am Ende ihrer Laufzeit. Gruppen-Kurzzeitprojekte sind ein spezieller künstlerisch orientierter Ansatz in der Kunsttherapie. Sie ergeben sich oft aus einem bestimmten Anlass, z. B. einer Kunst-am-Bau-Förderung oder einer bestimmten Idee zur künstlerischen Ausgestaltung bestimmter Bereiche des Geländes durch Bewohner oder durch eine spezielle bildnerische Anregung der Kunsttherapeuten. Sie dauern zwischen drei Monaten und zwei Wochen und verlaufen sehr intensiv. Sie finden meist täglich oder mindestens mehrmals in der Woche statt mit einem bestimmten künstlerischen Ziel, z. B. einer Performance, einer bildnerischen Gemeinschaftsarbeit wie einer Freilandplastik oder verschiedenen kleineren künstlerischen Projekten zu einem gemeinsamen Thema. Diese Projekte werden an verschiedenen Orten durchgeführt wie psychiatrischen Kliniken, Schulen, Altenheimen und anderen Einrichtungen. Sie bieten allen Beteiligten (auch dem Personal) ein breites, offenes Lernfeld. Unbekanntheit, Offenheit und Intensität der Situation entsprechen dem künstlerischen Prozess und sind eine Herausforderung für alle, die es erlaubt, neue Erfahrungsräume zu betreten und neue Ausdrucks- und Kommunikationsformen zu entwickeln.

KUNSTTHERAPIE HAT IN den letzten Jahrzehnten einen Siegeszug erlebt. Sie wird heute erfolgreich in vielen Bereichen angewendet: Im klinischen Feld, in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, zur Prophylaxe, im Strafvollzug, in Seniorenheimen, in Schulen, im Management, um nur einige zu nennen.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Kunsttherapie bildet ein Gegengewicht zu unserer sehr intellektuell ausgerichteten Gesellschaft und Erziehung. Bildnerische Sprache, zwei oder dreidimensional, ist ein Erkenntnisinstrument, das wesentlich daran beteiligt ist, die Psyche im Gleichgewicht zu halten. So trägt zum Beispiel das Institut für Kunst und Therapie München (IKT) dazu bei, verschiedene Berufsgruppen aus sozialen Bereichen darin zu schulen, Menschen mit dieser Möglichkeit wieder in Verbindung zu bringen. Diese Fähigkeit bereichert das Leben, macht es bunter und erfüllter. Positive Spontaneität im Gestalten verhindert krankmachende Prozesse und erlaubt es, schwierigen Herausforderungen in Leben mit größerer Leichtigkeit und Kreativität zu begegnen.

ES IST ZU wünschen, dass hierzu noch mehr Forschung betrieben wird, damit Kunsttherapie von den Krankenkassen übernommen und ein fester Bestandteil des etablierten Therapieangebots in Deutschland werden kann.

Professorin Dr. Gertraud Schottenloher

gründete 1987 auch das Aufbaustudium »Bildnerisches Gestalten und Therapie« an der Akademie der Bildenden Künste München für Künstlerinnen und Künstler mit abgeschlossenem Kunsthochschulstudium, das sie bis 2011 leitete. Sie ist seit 2011 Ehrenmitglied der Akademie der Bildenden Künste.

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