In memoriam Hans Schnell

von Andrea Dreher, Kunsthistorikerin

hans schnell

Sie sind zu schnell gegangen, Hans Schnell, Sie hätten noch ein paar Zeichen setzen müssen.

Sie hätten weiterhin ihre schwarzen Graphitfinger in die Wunden unserer Tage legen sollen.

Wir hätten Ihnen noch ein paar Jahre zugehört.

„Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen| lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen | mitten in uns.“

Dieses Rilke-Gedicht ist es, was mir immer in den Kopf schießt, wenn ich vom plötzlichen oder unerwarteten Tod eines Menschen erfahre. Ihr Tod, Herr Schnell, war so einer. Ich erfuhr am Telefon davon, als Titus Koch anrief und mir die traurige Nachricht überbrachte.

Wir beide sind uns nur einmal begegnet, das ist drei Jahre her, es waren ein paar Sätze, die ich über Sie sprach und es war ein Gläschen Wein (oder ein Bier, ich erinnere mich nicht mehr genau) im Anschluss an meine Rede, was uns irgendwie und ganz spontan im Geiste vereinte.

„SCHNELL ZU DREHER – herzlich“ steht in meinem signierten Katalogexemplar und ein paar Tage später erreichte mich ein Umschlag aus München mit einer Karte aus feinem Büttenpapier von Professor Hans Schnell mit „Gute Grüße“.

Was war es, das mich damals so staunen ließ und faszinierte, frage ich mich heute, posthum?

Es war damals das Objekt-Bild „Nature Morte“ mit einem Holzkrokodil auf rotem Grund.

„Was ist es, wenn ein Holzkrokodil mit geöffnetem Maul ein monochrom angelegtes rotes Ölbild besetzt? Würgt das Tier die Farbe heraus oder steht die Farbe für das dem Krokodil zum Opfer gefallene Tier? Oder war es gar ein Mensch? Obwohl kleinformatig, stellt diese Arbeit doch große, um nicht zu sagen, existenzielle Fragen an uns. Zunächst wirkt die Bildszene fast verspielt, doch bei näherer Betrachtung erkennen wir auch rote Farbspuren auf dem Krokodil, als habe ein Kampf stattgefunden. Vielleicht auch der Kampf des Malers mit dem Bildhauer? Die Werke des gebürtigen Müncheners wirken zwar zumeist chiffrenhaft und spontan, aber in Wahrheit sind seine Farbspuren, Zeichen und Strichfolgen mit hoher Konzentration gesetzte Bekenntnisse. Ein wesentlicher Faktor seiner Werke ist der Freiraum im Bild, dem Schnell eine große Bedeutung beimisst. Und welche Freiräume entstehen in Ihren Köpfen, wenn Sie Titel hören wie „Liebe oder Fliege“, „Schamlose Intelligenz“, „Von der Glyptothek in den Biergarten“?“

So formulierte ich im Sommer 2016 meine Annäherung an ein Werk Hans Schnells und noch immer ist es vor meinem geistigen Auge, dieses Krokodil auf rotem Grund.

Kampf, Bekenntnis, Wahrheit, Konzentration sind und waren Schlüsselbegriffe im Werk dieses talentierten Künstlers, Maler-Poeten und Wort-Schöpfers.

Hans Schnell wurde 1951 in München geboren, studierte zunächst Kunstgeschichte und Kunsterziehung, zog nach Florenz, kehrte zurück und wollte Künstler werden. Professor Karl Fred Dahmen, der große Informelle, ernannte Schnell 1977 zum Meisterschüler, und wieder zog er los, nach Hamburg, in die USA, nach Andalusien, um nach zehn Jahren erneut nach München zurückzukehren und an der Akademie zu lehren. Noch einmal erfolgte ein Zwischenstopp in Rom, wieder die Rückkehr eines Nomaden und eine neue Professur an der Universität des Westens Timisoara, Rumänien.

Hans Schnell liebte und er lebte auch in Andalusien. Er trug andalusische Erde auf einzelne Arbeiten auf, und er liebte auch Italien.

„bisogna vivere l‘attimo“, sagen die Italiener, „man muss den Moment leben“ … im mitunter anarchischen Chaos des Südens. Das dürfte Hans Schnell gefallen haben: die Anarchie, das Unvorhersehbare, das Licht des Südens, die Freiheit des Lebens.

Seine Bilder legen Zeugnis ab von der Spontaneität des Augenblicks und von dem ehrlichen und hoch sensiblen Wesen dieses Künstlers, dessen Werke auf dem Boden oder auf dem Tisch liegend entstanden. Denn bei der Arbeit in der Horizontalen bekommt ein Bild nicht gleich ein oben und unten, ein rechts oder links, sondern alles entsteht zunächst gleichberechtigt und formal unabhängig.

Das Wort Graphit stand bei Hans Schnells genauen Materialaufzeichnungen fast immer an erster Stelle. Seine Graphitstift-Setzungen wirken nicht selten wie Schnitte oder Narben. Es gibt kein Entrinnen der Linien im Bild.

Im Jahr 2005 entstand ein kleines Bild mit dem Titel ‚LEBEN´.

Im oberen Drittel einer weiß grundierten Leinwand schwebt eine hellblaue Fläche, mit schnellem Pinselduktus wie eine Art Wolke zu begreifen, oder ist es ein UFO, das hier fliegt? Hinterfangen wird dieses blaue Etwas von einer flüssig lasierenden größeren Fläche in hellem Erdton, welche am linken Bildrand von einer konkaven Form abgefedert oder auch gestützt wird. Markant und selbstbewusst thront über dem Farbfeld ein schwarzes Rechteck aus Graphit.

Diese blaue Farbfläche taucht – nur leicht abgewandelt – in einem weiteren Bild aus demselben Jahr auf, in „recuerdos de Cádiz“. In Cádiz hat er das Leben gespürt, intensiv gespürt, sagt seine Kunst.

Ich war vor kurzem auch in Cádiz, in dieser einzigartigen alten europäischen Stadt. Ich habe nicht an Hans Schnell gedacht, aber jetzt tue ich es. Sie wird bleiben, diese Erinnerung an das Leben, an Cádiz, an Hans Schnell, an sein Leben als Künstler.

Das schwarze Rechteck sehen wir oft in Schnells Bildern, es ist elementar für sein Werk. Es ist ein kalligraphisches Kürzel eines Malers, der das Unsichtbare und das Unsagbare formulieren, aber nie erklären wollte. Denn Schnells Kunstwerke lassen sich nicht dechiffrieren, sondern es reiben sich in ihnen Linie und Fläche.

Der Künstler hat konsequent und unbeirrbar seine ganz eigene Harmonie-Lehre entwickelt, in deren Mittelpunkt immer das Spiel elementarer Kräfte stand. Schnell wollte keine Metaebenen einbauen, er suchte keine Allüren und keine Kompromisse. Sein künstlerisches Wirken war ein rigoroses Reagieren auf das Jetzt und eine unverblümte Analyse des Früher. Er war daher weder Träumer noch Visionär.

Die kraftvoll und spontan gesetzten Bildzeichen von Hans Schnell erinnern mich stets auch an Kinderzeichnungen. Wenn Kinder ihre Wachskreiden fest aufs Papier drücken, dann ist das ein klares Statement. Sie zeigen darin ihren unbedingten Willen, ihre Energie und ihre Leidenschaft beim Tun. Kinder haben keine Geduld, sondern immer eine Botschaft.

Auch Hans Schnell war ein Bilder-Botschafter. Der Sinn seiner Bilder enthält unbedingt auch die Sinnlichkeit des Tuns. „Der Zufall lenkt meine Hand“, sagte der Verstorbene einmal.

Er konnte den Zufall zulassen, er konnte sich verlieren und sich treiben lassen in seiner Kunst, die deswegen so frei und unabhängig ist, weil sie in seinem tiefen Inneren keimte. Hans Schnell führte in gewisser Weise sein ganzes Malerleben lang einen inneren Dialog mit sich und mit der Konzeption der Leere im Bild.

Die freien Flächen in seinen Bildern lesen sich wie eine Metapher des Schweigens von einem, der das „hohle Geschwätz“ des Kunstbetriebs und den „horror vacui“ vieler Kolleg*innen satt hatte und künstlerisch vehement dagegen opponierte. Für seine „Bilder ohne Worte“ genügte ihm oft genug Graphit und Leinöl, weswegen sein künstlerisches Erbe fast mönchisch bescheiden wirkt, wären da nicht die Rückseiten seiner Werke, die er mit Reimen versah.
Wer Hans Schnell gebührend ehren und verstehen will, muss immer hinter die Fassade blicken. So möchte ich diese Rede auch mit „seinen“ Worten ausklingen lassen. Es sind seine Worte „hinter den Bildern“:

„Je sensibler du bist desto wahrscheinlicher ist
Es dass man grausam zu dir ist
erlaube dir nie irgendetwas zu fühlen denn du fühlst immer zu viel
sagt marlon brando als ob gibralter in new jersey läge

trinken wir alle auf unseren sarg gezimmert
aus hundertjährigen eichen die wir morgen
pflanzen werden mit caspar david und friedrich und william turner

wenn sie übers eismeer gehen den eigenen tod sterben
den tod der anderen erleben.“

Hans Schnell, du bist jetzt deinen Tod gestorben, und wir trinken alle auf dich, nicht auf Särgen aus alten Eichen, die noch gepflanzt werden müssen, sondern aus Gläsern, die wir auf dich erheben werden, heute ganz besonders und auch an späteren Tagen.

Ruhe in Frieden.

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